T.C. Boyles neuer Roman »Sprich mit mir«

Ein Sechstklässler auf Steroiden

T.C. Boyle
T.C. Boyle, Foto: Jamieson Fry
Haben Affen einen Gott, denken sie über den Tod nach und erhoffen sie sich Erlösung? Das sind einige der Fragen, die T.C. Boyle in seinem furiosen neuen Roman »Sprich mit mir!« (Hanser) aufwirft. Nach »Die Terranauten« (2017), einer bitterbösen Persiflage des Versuchs, eine autarke »Biosphäre« zu erschaffen, und »Das Licht« (2019), das von den Experimenten mit bewusstseinserweiternden Drogen des Hippie-Gurus und Harvard-Professors Timothy Leary erzählt, ist T.C. Boyle erneut auf der Spur einer wissenschaftlichen Untersuchung. Es geht um das Bewusstsein von Tieren, genau genommen um einen Schimpansen, der wie einige seiner Artgenossen in den 1970er- und 80er-Jahren in einer menschlichen Familie ohne Kontakt zu seinen Artgenossen aufwächst.

Sam ist sowieso schon ein ziemlicher Rabauke, und seit sich seine überforderte Ziehmutter Hals über Kopf davongemacht hat, kaum noch zu bändigen. Das Panoramafenster im Wohnzimmer ist so oft durch seine Attacken zu Bruch gegangen, bis endlich Panzerglas eingesetzt wurde, das Haus bleibt stets sorgsam verschlossen, und am Kühlschrank hängt ein Vorhängeschloss, weil Sam ihn sonst ständig ausräumt. Wenn ihm etwas nicht passt, schreit er, so wie jedes andere Kind auch, nur dass es bei ihm auf ein unglaubliches »Affentheater« hinausläuft. Und eigentlich ist das alles ganz normal, denn Sam ist ein schlaksiger junger Schimpanse, der in einer Pflegefamilie aufwächst.

Sein Ziehvater Guy Schermerhorn ist Professor, und Sam die Hauptperson eines Experiments, »wirklich süß, eine zum Leben erweckte Puppe mit großen Ohren«. Jedenfalls ist das der Eindruck, den er bei einem Fernsehauftritt mit seinem höchst karriere- und medienbewussten Vater hinterlässt. Tatsächlich ist der »Fremdpflegeversuch« mit Sam drauf und dran zu entgleiten, nachdem der eine Studentin ins Gesicht gebissen hat. Weiß Sam auch einige Tage später noch, dass das Unrecht war? Ist er fähig dazu, Mitleid zu empfinden, Reue, Liebe? Das sind die naturwissenschaftlichen Fragen, die in dem Roman mitschwingen. Die kognitiven Fähigkeiten von Sam scheinen sich jedenfalls glänzend zu entwickeln, er benutzt Werkzeuge, ist zu geplanten Handlungen fähig und kann sich verständlich machen.

T.C. Boyles Roman spielt in einer Zeit, in der die sehr hohe genetische Übereinstimmung zwischen Menschen und Schimpansen noch nicht erforscht war und man noch annahm, dass Affen nicht sprechen lernen, weil ihr Sprachapparat dafür nicht ausgebildet ist. Heute weiß man, dass die Sprachentwicklung von Verschaltungen im Gehirn abhängt, die es uns Menschen ermöglichen, in zahllosen Sprachen miteinander zu sprechen, während Affen keine einzige Sprache entwickelt haben. Auch Sam, der Schimpansen-Junge im Roman, bringt kein Wort über die Lippen, doch er entwickelt im täglichen Unterricht die Fähigkeit, Wörter zu verstehen und kommuniziert in einer Art Zeichensprache. Das ermöglicht ihm, sich seinem Ziehvater und vor allem auch Aimee, einer jungen Studentin mitzuteilen, die schnell zu seiner neuen Ersatzmutter und eigentlichen Bezugsperson wird.

Gleichzeitig geht Aimee eine Beziehung mit Guy Schermerhorn ein, und für zwei Jahre sind sie glücklich und zufrieden in dieser Dreiecksbeziehung. Dann wird das Familienidyll von Guys Vorgesetztem Moncrief heimgesucht und mit ihm von gesellschaftlichen Zwängen, von schamloser Profitgier und am Ende auch von einer verzweifelten Liebe. Sam wird als entfremdete, seiner Bestimmung beraubte Kreatur, als Sechstklässler auf Steroiden zum tragischen Helden. Es sei ein Buch, sagt T.C. Boyle, »das bei allen einen Nerv treffen wird, die je ein Haustier gehabt haben, sei es Hund, Katze, Sittich oder Python, – all diese Wesen kommunizieren auf vielen Ebenen mit uns, auch wenn die Form dieser Kommunikation ganz anders ist als das, was wir mit unseren Mitmenschen austauschen.« In seiner Videobotschaft (www.tcboyle.de) an seine Leser*innen lässt T.C. Boyle zudem ausrichten, dass er sehr gerne, wie mit seinen vorangegangenen Büchern auch, »for a big Rock’n Roll Tour« mit seinem neuen Buch nach Deutschland gekommen wäre. Das ist hoffentlich mit seinem nächsten Roman wieder möglich. Die Buchhandlung Heymann hat ihn nun zu einer Online-Lesung eingeladen, die als Zoom-Konferenz stattfinden wird. Und das Buch bietet nicht nur ein Leseerlebnis, sondern ist als kongenial von Peter-Andreas Hassiepen gestalteter Hingucker auch eine Zierde in jedem Bücherregal.

T.C. Boyle, »Sprich mit mir«, Hanser, € 25,–.


07.02.2021 | Jürgen Abel