Yang Shuang-zis Roman »Das Taiwan-Tagebuch«

Karrieren einer Übersetzung

Yang Shuang-zi
Yang Shuang-zi, Foto: YJ Chen
Es ist eine der ungewöhnlichsten Neuerscheinungen des Bücherjahres und eine Entdeckung: »Das Taiwan-Tagebuch« (DuMont) von Yang Shuang-zi wurde im Original 2020 veröffentlicht, ist dann in Japan und in den USA erschienen und wurde mit jeder neuen Übersetzung auch ausgezeichnet. In diesem Jahr erhielt der Roman den renommierten International Booker Prize und ist in mehreren weiteren Sprachen erschienen. Karin Betz hat ihn aus dem Chinesischen, Taiwanischen und Japanischen ins Deutsche übersetzt.

Die lange Übersetzungsgeschichte von »Das Taiwan-Tagebuch« ist auch deshalb so verblüffend, weil es selbst, wie die Übersetzerin Karin Betz in ihrem Nachwort erklärt, ein Roman über »die Macht und Möglichkeiten der Übersetzung und das durch sie vermittelte Weltverständnis« ist. Die taiwanesische Autorin Yang Shuang-zi hat ihren Roman als Übersetzung eines wiederentdeckten Reisetagebuchs der japanischen Schriftstellerin Aoyama Chizuko getarnt, kommentiert und mit mehreren fiktiven Nachworten und Vorbemerkungen von Editionen und Übersetzungen versehen. Das Tagebuch selbst erzählt von Chizukos Reise durch das von Japan kolonialisierte Taiwan. Sie will möglichst viel vom echten Leben mitkriegen und vor allem die authentische Küche des Landes kennenlernen. Als Glücksfall erweist sich dabei die charmante Dolmetscherin und begnadete Köchin Chizuru. Während den langen Zugfahrten durch Taiwan entwickelt sich bald auch eine Liebesgeschichte zwischen den Reisegefährtinnen, doch etwas veranlasst Chizuru stets auf Distanz zu bleiben. Erst nach einer schmerzvollen Trennung beginnt Chizuko zu begreifen, dass auch ihr eigenes Begehren von den kolonialen Machtverhältnissen geprägt ist.

Yang Shuang-zi, »Das Taiwan-Tagebuch«, DuMont, € 26,–

29.09.2026 | Jürgen Abel