Benjamin Maack erzählt von seiner Depression

Wenn das Ich plötzlich verloren geht

Benjamin Maack
Benjamin Maack, Foto: Heike Steinweg, Suhrkamp Verlag
Sein zuletzt erschienener Erzählband »Monster« (2012) wurde gleich mehrfach für seine »wirklich brillanten Geschichten« (WDR) ausgezeichnet, 2013 erhielt er beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt den 3sat-Preis für seinen Text »Wie man einen Käfer richtig fängt«, zuletzt wurde er 2016 mit dem Förderpreis zum Hermann-Hesse-Preis ausgezeichnet. Gleichzeitig kletterte Benjamin Maack als Journalist auf der Karriereleiter nach oben, bis er völlig unvermittelt gleich mehrere Gänge zurückschalten musste. Sein neues Buch »Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein« (Suhrkamp Verlag) erklärt, warum: Es ist das berührende Protokoll einer Depression, hoch poetisch und von stupender literarischer Raffinesse und Vielgestaltigkeit.

Als Hans sich nach einem langen Aufstieg mit anderen Touristen endlich allein mit seinem Führer auf dem Weg in den Kibo-Krater des Kilimandscharo-Massivs im Nordosten von Tansania befindet, hofft er auf eine einsame Kraternacht. Sie soll ihn nach Jahrzehnten endlich ein für allemal von einem großes Liebesversagen befreien, das ihm bei einer Afrikareise mit seiner damaligen Verlobten wiederfahren ist. Doch dann steht der weltoffene und feinsinnige Hamburger einem »Kerl« gegenüber, der ihn mit einem kernigen »lecko mio« im Krater begrüßt, ihn sogleich »Hornbrillenwürschtl« und wegen des um seinen Kopf gewickelten Tuchs »Windelhansi« nennt. Auch sonst nimmt dieser Tscharli aus Miesbach in Oberbayern, wie sich schnell herausstellt, kein Blatt vor den Mund, obwohl oder vielleicht auch, weil er selbst eher eine halbe Portion ist.

Seine Sprache, sein Verhalten, seine Ansichten, so ziemlich alles an diesem Tscharli ist mindestens ein Affront und strenggenommen viel schlimmer, wie Hans später einmal feststellt. Will man mit so einem befreundet sein? Bestimmt nicht. Dennoch werden die gemeinsame Nacht im Krater und ein rasanter Abstieg zum Ausgangspunkt einer Grand Tour der beiden Helden. Sie ist gespickt mit absurden Begegnungen und aberwitzigen Abenteuern, für die vor allem der charismatische Tscharli sorgt. Der allseits bekannte »King of Fulalu«, »Mister Bombastic« und »Big Simba« dreht eine Abschiedsrunde durch sein Afrika und will es dabei nochmal so richtig krachen lassen, schließlich weiß er nur zu genau: »Wo’s viel Sonne gibt, gibt’s etwas später große Untergänge«.

Über alle weltanschaulichen Gegensätze, dieses Geflecht aus Meinungen und Verortungen hinweg, das die Gesellschaften der westlichen Welt derzeit spaltet, entwickelt sich zwischen Hans und Tscharli eine tiefe Freundschaft. Dass dafür so manches allzu menschliche Vorurteil auf den Prüfstand muss, versteht sich von selbst, wird aber immer nebensächlicher. Was den beiden Helden keiner nehmen kann und sie am Ende zusammenschweißt, ist die Erfahrung einer großen und doch tragischen Liebe. Für sie finden Hans und Tscharli in ihrer Begegnung zum ersten Mal die richtigen Worte, und ihr Leben justiert sich in einem größeren Horizont befreiend neu.



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»Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein« - NDR Kultur-Hörspiel von Benjamin Maack

Suhrkamp Verlag



Benjamin Maack, »Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein«, Suhrkamp Verlag, € 18,–

03.03.2020 | Jürgen Abel