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Montag 11.11.2019


Lesung mit Mareike Fallwickl

Wenn das Raubtier leise lächelt

Mareike Fallwickl
Mareike Fallwickl, Foto: Gyoengyi Tasi
Der Schriftsteller Maximilian Wenger ist ganz unten angekommen. Wir begegnen ihm zuerst in einer verwahrlosten Single-Wohnung und in einer bitter-bösen Szene, die man auch als Satire auf die umfassende narzisstische Störung eines abgestürzten Bestseller-Autors lesen kann. Da lässt einer keine Peinlichkeit aus, um zu bezeugen, wie sehr ihn die Missachtung der Welt kränkt. Sex und Suff sind dabei seine unheilvollen Begleiter. Doch das ist nur der Auftakt des neuen Romans »Das Licht ist hier viel heller« (Frankfurter Verlagsanstalt) der österreichischen Autorin Mareike Fallwickl. Er erzählt ein an rasanten Wendungen reiches Psychodrama über Macht und Missbrauch, alltäglichen Sexismus und toxische Männlichkeit.

Seine letzten drei Bücher waren Flops, er leidet an einer Schreibblockade, und seine Frau hat ihn aus dem gemeinsamen Haus geworfen. Mit den beiden fast erwachsenen Kindern des ehemaligen Literaturstars sitzt jetzt der Liebhaber seiner Frau am Familientisch, ein Fitnesstrainer mit Waschbrettbauch. Für den ohnehin tief gefallenen Wenger ist das so unerträglich, dass er sich sogar zu einer handfesten Schlägerei mit dem Rivalen hinreißen lässt. Da kommt »das Raubtier« zum Vorschein, sagt er sich, »triebgesteuert, impulsiv, zügellos«. Parallel zu Wenger erzählt seine achtzehnjährige Tochter Zoey, die zweite Hauptfigur des Romans, von den Ereignissen in der Familie und ihrem Leben. Einen dritten Erzählstrang bilden schließlich die Briefe einer unbekannten Frau an ihren Geliebten, den Vormieter in Wengers neuer Wohnung, die nach wie vor ankommen, weil Wenger den Namen am Briefkasten nicht geändert hat. Diese Briefe werden zum Motor des Romans, der die beiden anderen Handlungsstränge vorantreibt. Bei Zoey, die sie heimlich bei ihrem Vater liest, lösen sie einen Selbstfindungsprozess aus, der es ihr erlaubt, sich von einer unglücklichen Liebe und aus den Fängen ihrer Familie zu lösen. Und für Wenger werden sie zur Inspirationsquelle und dienen bald sogar als Orchestrierung eines neuen Romans. Der heißt »Ruf« und erzählt von einer Vergewaltigung, die von einer Machtperson verübt wurde. Es ist das Thema, über das im Zuge des Skandals um Harvey Weinstein gerade alle reden. Plötzlich steht Wenger wieder im Rampenlicht und findet sich bei der Buchmesse in Frankfurt in einer Live-Sendung unerwartet neben einer Anwältin für strafrechtliche Delikte, mit der ihn eine besonders unrühmliche Geschichte seines Lebens verbindet. Doch auch in diesem Moment kommt »das Raubtier« zum Vorschein und rettet dem Starautor mit einem sanften Lächeln und einer offensiv vorgetragenen Entschuldigung den neu gewonnenen Ruhm. Am Ende geht es für alle, das darf man über den fintenreichen Roman hier noch sagen, ohne zu viel zu verraten, irgendwie gut aus: Zoey findet ihr Glück in der Ferne, und Wenger zieht noch einmal los, um sich zu prügeln. Und was daraufhin passiert, kann man nur vermuten: Ein Happy End mit Silberglöckchen darf man bei Mareike Fallwickl jedoch getrost ausschließen.

Bitte beachten Sie, das die Veranstaltung ausverkauft ist.

Buchhandlung & Antiquariat Lüders, Heußweg 33, 20.00 Uhr, € 8,–