Heute, 26.09.2020


Hamburger LeseFrühstück

»Sandbergs Liebe«

Jan Drees
Jan Drees, Foto: Secession Verlag
Man ahnt schon mit dem Motto dieses Romans, dass er eine Geschichte erzählt, die nicht gut ausgehen wird: »Liebe allein reicht nicht« (Felix-Emeric Tota). In seiner trivialen Vieldeutigkeit könnte das auch der Titel eines angesagten Beziehungsratgebers sein, man müsste ihn nur noch um eine modische Girlande wie »77 Dinge, die jedes Paar einmal machen sollte« ergänzen. Als ironische Referenz über das Liebesleben in Zeiten von Tinder und Co. passt es jedoch ganz wunderbar zu dem anspielungsreichen Poproman »Sandbergs Liebe« (Secession) von Jan Drees. Er führt zwei High Potentials in einen tiefen Irrgarten aus Verheißungen, Versprechungen und Sehnsüchten, ohne dass sie je wirklich zueinander finden.

Kristian Sandberg ist ein begabter junger Mann, der sich schon vor seiner Promotion mit Rundfunkbeiträgen und Literaturkritiken im Literaturbetrieb einen klangvollen Namen macht und dann einen begehrten Job in einer Literaturagentur in Hamburg bekommt. Sogar das Gehalt stimmt. Alle Wünsche und Hoffnungen scheinen sich plötzlich zu erfüllen, nur die Frau, mit der er sie teilen könnte, fehlt noch zu seinem Glück. Dass er kurz zuvor bei einem einsamen Urlaub auf Teneriffa einen schlimmen psychischen Absturz erlebte, der ihn zudem eine Menge Geld kostete, ist schnell verdrängt, als ihm seine Dating-App ein Treffen mit Kalina in einem Hamburger Café an der Außenalster beschert.

Auf seine Frage nach ihrem Lieblingsbuch sagt sie ihm, es sei »Die gefährliche Liebe« von Haruki Murakami, ausgerechnet jener Roman, der »als DIN-A2-Plakat über seinem Bett hängt, der komplette Text in Schriftgröße drei Komma fünf«. Die überaus erfolgreiche Zahnärztin erscheint ihm nahezu sofort als die Liebe seines Lebens. Innerhalb nur weniger Wochen ist er bereit, seine Zukunftspläne komplett für sie umzugestalten, er kauft Verlobungsringe, man plant ein gemeinsames Leben. Doch dann sind die leisen Irritationen, die ihre Begegnung am Anfang begleitete, ebenso schnell absolut unüberwindbare Probleme.
Der Liebesheld Kristian durchleidet eine Höllenfahrt, die ihn in einen emotionalen Abgrund führt, und die Liebesheldin Kalina sieht in dem erhofften Ehemann nur noch die größte Enttäuschung überhaupt. Was ist passiert? Ist dies »die Geschichte einer Manipulation«, wie Kalina schon im Prolog unterstellt wird? Hat sie Kristian vorsätzlich in eine Abhängigkeit geführt, um ihn zu zerstören?

Die Wahrheit ist wohl eher, dass die verheißungsvoll glänzenden Oberflächen, mit denen jeder für sich beschäftigt war, von der schicken Eigentumswohnung in Eppendorf über den Liebesurlaub in Taormina bis zu den Verlagspartys zur Frankfurter Buchmesse, plötzlich von etwas getrübt werden, das der Roman eher beiläufig offenlegt. Sie sind beide geprägt von einer unglücklichen Kindheit, was sie einerseits zwar tief verbindet, in ihrer Liebe aber unvereinbar getrennte Ansprüche, Bedürfnisse und Verhaltenstrukturen hervorbringt. Am Ende reibt man sich nach der Lektüre des nur 200 Seiten umfassenden Romans und all dem Liebespathos, der ihn an- und umtreibt, irgendwie verwundert die Augen, bis man sich an das Motto ganz am Anfang erinnert: »Liebe allein reicht nicht«.

Literaturzentrum im Hotel Wedina, Gurlittstr. 23, 12.00 Uhr, Einlass: 11.00 Uhr, € 20,– inkl. Frühstück, Anmeldung unter Tel. 040-2279203 oder per E-Mail an lit@lithamburg.de


Lesung

»Max Goldt liest«

Max Goldt liest »Altes und Neues«

Fabrik, Barnerstr. 36, 20.00 Uhr, € 20, –


Schwarze Kunst

»Bleisatz und Buchdruck im Wandel der Zeit«

In der Buchdruckwerkstatt des Museums der Arbeit lüften Mitarbeiter des Museums oder ehemalige Setzer und Drucker die Geheimnisse der »Schwarzen Kunst«.

Museum der Arbeit, Wiesendamm 3, 14.00 bis 15.00 Uhr, Museumseintritt